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Aus den Magazinen des Landesarchivs (April 2017)

Stahlwerk mit Stadt – Die Gründung der Stadt Salzgitter vor 75 Jahren (1942) (NLA Wolfenbüttel K 4661)


Wenn eine Stadt erst jetzt ihr 75jähriges Gründungsjubiläum feiert, dann ist sie schon aufgrund ihrer Jugend eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Städtelandschaft. Unter dem Namen Watenstedt-Salzgitter wurde die heutige Stadt Salzgitter am 1. April 1942 gegründet. Ursprünglich hätte sie, wie die als geheim eingestufte Karte aus dem Februar 1942 zeigt, Hermann Göring Stadt heißen sollen. Angeblich lehnte Hitler diese Namensgebung aber ab. Wie die nahe KdF-Stadt (Wolfsburg) verdankt Watenstedt-Salzgitter seine Entstehung einem großen Industrieprojekt des NS-Regimes. War dort die Autoproduktion Grund der Stadtgründung, so waren es in Salzgitter die stahlproduzierenden Hermann Göring Werke. Das NS-Regime beschloss im Rahmen seiner Autarkiebestrebungen und Kriegsvorbereitungen die Verwertung der lange als unrentabel eingestuften Erzvorkommen im Salzgittergebiet. Als die technischen Voraussetzungen dafür gegeben waren, befahl Göring als Beauftragter für den Vierjahresplan am 15. Juli 1937 die Gründung der "Hermann-Göring-Werke" und ignorierte damit die Argumente der Gegner dieses großen Staatsprojekts. Denn nicht nur die ansässigen Landwirte waren gegen dieses neue Stahlwerk, sondern auch die Ruhrindustrie opponierte gegen diese Neugründung als Konkurrentin, die auch noch Wettbewerbsvorteile besaß, weil sie vom Staat finanziert wurde.

Ein so großes Stahlwerk benötigte viele Arbeiter und diese wiederum benötigten mit ihren Familien eine Stadt, in der sie leben konnten. Beides entstand ab dem Jahre 1937 faktisch auf der grünen Wiese zwischen Dörfern des Freistaats Braunschweig und der preußischen Provinz Hannover. Die Karte zeigt die großzügigen Planungen für eine Stadt mit bis zu einer Viertelmillion Einwohnern. Herbert Rimpl war der Architekt dieser Stadt, die alles bieten sollte, was der NS-Staat für eine Großstadt für wichtig hielt. Große Repräsentationsbauten des Regimes sollten dort Platz finden, aber auch weite Grünflächen zur Naherholung für seine Einwohner. Die geplanten Wohnsiedlungen mussten nach dem Willen der Partei einen deutlich besseren Standard bieten als gewohnt. Größer und besser in der Ausstattung sollten sie ihre Anziehungskraft auf Arbeitskräfte erhöhen. Dieser Aspekt geriet jedoch im Laufe des Zweiten Weltkriegs rasch in den Hintergrund. Die Hermann Göring Werke ließen sich Abertausende von Zwangsarbeitern zuführen und nutzten deren Arbeitskraft schonungslos aus. Die neue Stadt stand deshalb weniger für Modernität und Wohnkomfort als viel mehr für ein unmenschliches Lagersystem, das vielen das Leben kostete.

 
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